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Herkunft von Sprichwörtern: Von Bahnhof, Nähkästchen und Tomaten auf den Augen

10 Min.

Sprichwörter und Redewendungen begleiten uns oft ein Leben lang. Viele haben wir schon von Eltern, Großeltern oder Lehrkräften gehört – und verwenden sie bis heute ganz selbstverständlich. Doch woher kommen Ausdrücke wie „nur Bahnhof verstehen“ oder „Tomaten auf den Augen haben“ eigentlich?

Die Herkunft von Sprichwörtern führt häufig in frühere Lebenswelten: in Mühlen, Werkstätten und Küchen. Hinter vielen vertrauten Formulierungen steckt eine lange Geschichte, ein historischer Brauch oder ein überraschendes Bild. Wir haben uns 20 bekannte Sprichwörter und Redewendungen herausgepickt und erklären Ihnen, was sie bedeuten, woher sie vermutlich stammen und warum wir sie bis heute verwenden.

Elisa Holzmann
Lifta Magazin Autorin

Redewendungen und ihre Herkunft – das Wichtigste auf einen Blick

  • Sprichwörter geben Erfahrungen weiter: Sie fassen Lebensweisheiten, Warnungen oder Beobachtungen in kurzen, einprägsamen Sätzen zusammen.
  • Redewendungen funktionieren ähnlich: Sie sind feste sprachliche Bilder, die wir in unsere Sätze einbauen – zum Beispiel „nur Bahnhof verstehen“.
  • Viele Sprichwörter und Redewendungen sind sehr alt: Ihre Ursprünge liegen oft in früheren Bereichen des Alltags wie Handwerk, Landwirtschaft, Haushalt, Handel, Recht oder Religion.
  • Nicht jede Herkunft ist eindeutig belegt: Viele Ausdrücke wurden lange mündlich weitergegeben. Deshalb gibt es manchmal mehrere mögliche Erklärungen.
  • Sprichwörter bleiben lebendig: Sie helfen uns bis heute, Situationen schnell zu beschreiben, Erfahrungen zu teilen oder einen Gedanken auf den Punkt zu bringen.

Sprichwort oder Redewendung: Was ist der Unterschied?

Sprichwörter und Redewendungen werden im Alltag oft gleichgesetzt. Genau genommen gibt es aber einen Unterschied:

  • Ein Sprichwort ist meist ein vollständiger Satz mit einer allgemeinen Aussage oder Lebensweisheit, zum Beispiel: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“
  • Eine Redewendung ist dagegen eine feste sprachliche Wendung, die erst in einem Satz vollständig wird, zum Beispiel: „Sie plaudert aus dem Nähkästchen.“

Viele Menschen suchen nach der Herkunft von Sprichwörtern, meinen dabei aber auch Redewendungen. Deshalb erklären wir in diesem Artikel beides: bekannte Sprichwörter und feste Redewendungen, die bis heute im Alltag verwendet werden.

Woher kommen Sprichwörter?

Manche Sprichwörter kommen aus religiösen oder literarischen Texten, andere aus mittelalterlichen Rechts- und Alltagsbräuchen, wieder andere aus Handwerk, Handel oder Umgangssprache. Früher wurden sie vor allem mündlich weitergegeben, daher ist ihr genauer Ursprung nicht immer eindeutig nachweisbar.

Die meisten Redewendungen und Sprichwörter stammen aus:

  • Berufswelten und Handwerk, etwa Mühlen, Schmieden oder Näharbeiten
  • Haushalt und Alltag, zum Beispiel Essen oder Familie
  • Recht und Gesellschaft, etwa alte Gerichtsversammlungen oder Regeln
  • Literatur und Erzählungen, zum Beispiel Märchen, Theaterstücke oder bekannte Figuren
  • Natur und Landwirtschaft, etwa Tiere, Bäume, Wetter oder Ernte

Sprichwörter funktionieren, weil sie Bilder nutzen. Ein Apfelbaum, eine Mühle oder ein Löffel sind vertraute Dinge. Aus diesen Bildern entstanden Ausdrücke, die wir bis heute verstehen – auch wenn sich unser Alltag längst verändert hat.

Sprichwörter erklärt: 20 bekannte Ausdrücke und ihre Herkunft

Wir haben 20 bekannte Sprichwörter und Redewendungen ausgewählt und erklären Ihnen, was sie bedeuten, woher sie vermutlich stammen und welches Bild ursprünglich dahintersteckt.

1. Nur Bahnhof verstehen

Diese Redewendung bedeutet, dass jemand gar nichts mehr versteht oder einem Gespräch nicht folgen kann. Die Herkunft lässt sich vermutlich auf den Ersten Weltkrieg datieren: Für die kriegsmüden Soldaten stand der Bahnhof damals sinnbildlich für die ersehnte Heimkehr und den Urlaub. Wer nach Monaten an der Front nur noch nach Hause wollte, schaltete bei allen anderen Themen ab – die Männer verstanden buchstäblich „nur Bahnhof“. Heute nutzen wir die Wendung vor allem umgangssprachlich, wenn uns ein Thema völlig unklar ist.

2. Aus dem Nähkästchen plaudern

Eine junge Frau flüstert einem Mann, der überrascht schaut, etwas ins Ohr

„Aus dem Nähkästchen plaudern“ bedeutet, private oder vertrauliche Dinge zu erzählen. Früher wurden in diesen Kästchen nicht nur Garn, Nadeln und Knöpfe aufbewahrt, sondern oft auch geheime Briefe oder kleine persönliche Erinnerungen – es war einer der wenigen Bereiche, in denen Frauen Persönliches für sich behalten konnten. Weltberühmt wurde das Bild durch Theodor Fontanes Romanklassiker „Effi Briest“ (1895), in dem ein Ehemann im Nähkästchen seiner Frau die alten Liebesbriefe ihres Liebhabers entdeckte. Wer heute daraus erzählt, gibt also wohlbehütete Geheimnisse preis.

3. Da wird der Hund in der Pfanne verrückt

Mit „Da wird der Hund in der Pfanne verrückt“ drücken Menschen großes Erstaunen aus. Die Redewendung soll auf eine Geschichte von Till Eulenspiegel zurückgehen. Darin versteht der Schalk den Auftrag eines Braumeisters, den „Hopfen“ für das Bier zu sieden, absichtlich falsch: Er schnappt sich den Hund des Brauers, der zufällig den Namen „Hopf“ trägt, und wirft ihn kurzerhand in die Braupfanne. Heute nutzen wir die Wendung als humorvollen Ausdruck für pure Verblüffung.

4. Den Löffel abgeben

„Den Löffel abgeben“ ist eine umgangssprachliche Redewendung für das Sterben. Im Mittelalter hatte jeder Bedienstete meist nur ein einziges persönliches Besteckteil: seinen eigenen Löffel. Wer den Dienst auf einem Hof quittierte oder verstarb, brauchte seinen Löffel nicht mehr und gab ihn wortwörtlich an den Gutsherrn oder den nächsten Knecht weiter. Da das Essen symbolisch für das Leben stand, bedeutete die Abgabe des Löffels das Ende der Teilnahme am irdischen Alltag.

5. Jemandem auf den Keks gehen

Wenn uns jemand „auf den Keks geht“, empfinden wir die Person als lästig oder nervig. Die genaue Herkunft ist nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich wurde die Redewendung um die 1960er- und 1970er-Jahre in der deutschen Jugendsprache modern. Der „Keks“ steht dabei umgangssprachlich für den Kopf oder das Gehirn – ganz ähnlich wie bei der Wendung „jemandem auf die Birne“ oder „auf den Geist“ gehen.

6. Tomaten auf den Augen haben

Eine Seniorin hält sich zwei Tomaten vor die Augen

Wer „Tomaten auf den Augen hat“, übersieht etwas Offensichtliches. Die Redewendung bezog sich vermutlich ursprünglich auf müde oder verschlafene Menschen. Nach einer kurzen Nacht können die Augen gerötet und verquollen aussehen.

Weil müde Menschen weniger aufmerksam sind, wurde daraus die heutige Bedeutung: etwas nicht sehen, obwohl es direkt vor einem liegt.

7. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ bedeutet: Wer als Erster da ist, wird zuerst berücksichtigt. Der Ursprung liegt im mittelalterlichen Mühlenwesen. Bauern brachten ihr Getreide zur Mühle und mussten warten, bis es gemahlen wurde. Wer zuerst eintraf, kam zuerst an die Reihe.

8. Aller guten Dinge sind drei

„Aller guten Dinge sind drei“ macht Mut zu einem dritten Versuch und steht heute für Zuversicht. Die Herkunft ist tief im altgermanischen Rechtswesen verwurzelt. Das Wort „Ding“ geht auf das historische „Thing“ zurück, eine Gerichts- und Volksversammlung. Nach altem Recht musste ein Angeklagter dreimal zu einer Verhandlung geladen werden, bevor man ein rechtmäßiges Urteil fällen konnte. Erst nach drei dieser „Dinge“ war die Sache somit im juristischen Sinne „gut“ und gültig abgeschlossen.

9. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Nahaufnahme von roten Äpfeln, die an einem Ast hängen

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ bedeutet, dass Kinder ihren Eltern ähneln – im Aussehen, im Verhalten oder in bestimmten Begabungen. Das Bild ist so simpel wie einleuchtend: Ein reifer Apfel fällt naturgemäß meist direkt in die Nähe des Baumes, an dem er gewachsen ist.

Das bildhafte Sprichwort ist also eine jahrhundertealte Naturbeobachtung, die sich so oder so ähnlich in fast allen europäischen Sprachen wiederfindet und sowohl positiv als auch kritisch verwendet wird.

10. Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Dieses Sprichwort warnt davor, sich vom bloßen äußeren Schein täuschen zu lassen. Nicht alles, was glanzvoll oder vielversprechend aussieht, besitzt auch echten Wert. Der Gedanke reicht zurück bis in die Antike zu Aristoteles und wurde im Laufe der Jahrhunderte weitergetragen. Besonders berühmt wurde die Formulierung durch William Shakespeares Drama „Der Kaufmann von Venedig“. Darin müssen Portias Freier zwischen drei Kästchen aus Gold, Silber und Blei wählen. Der Prinz von Marokko entscheidet sich für das goldene Kästchen – und lässt sich vom äußeren Glanz täuschen. Statt Portias Porträt findet er darin nur einen Totenkopf und eine Warnung: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“.

11. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Das Sprichwort bedeutet, dass Zurückhaltung manchmal klüger sein kann als viele Worte. Wer schweigt, vermeidet vorschnelle Aussagen, unnötigen Streit oder unbedachte Versprechen. Die genaue Herkunft ist nicht eindeutig geklärt. Häufig wird ein Ursprung im arabischen Raum vermutet. Im Deutschen wurde der Gedanke unter anderem durch den Dichter Johann Gottfried Herder bekannt.

12. In den sauren Apfel beißen

Ein kleines Mädchen beißt in einen grünen Apfel und verzieht dabei das Gesicht

„In den sauren Apfel beißen“ heißt, etwas Unangenehmes zu tun, weil es notwendig ist. Ein saurer Apfel schmeckt nicht besonders gut, kann aber trotzdem gegessen werden, wenn nichts Besseres da ist.

Heute wird die Redewendung genutzt, wenn beispielsweise eine lästige Aufgabe erledigt werden muss.

13. Das Handtuch werfen

Eine junge Boxerin wischt sich den Schweiß von der Stirn

Wer „das Handtuch wirft“, gibt auf oder beendet einen Versuch. Die Redewendung stammt aus dem Boxsport. Wenn ein Trainer das Handtuch in den Ring warf, signalisierte er damit, dass sein Boxer den Kampf aufgab.

Heute wird die Wendung auch außerhalb des Sports verwendet, wenn zum Beispiel ein Vorhaben nicht mehr sinnvoll ist und abgebrochen wird.

14. Die Spreu vom Weizen trennen

Die Redewendung wurde durch die Bibel populär und stammt ursprünglich aus der Landwirtschaft. Bei der Getreideernte musste die Spreu (die leeren Hüllen) vom Weizen (dem Korn) getrennt werden. Heute nutzen wir die Redewendung, um Wertvolles von Unbrauchbarem zu unterscheiden, zum Beispiel gute von schlechten Angeboten.

15. Hochmut kommt vor dem Fall

Dieses Sprichwort warnt vor Überheblichkeit. Wer sich selbst überschätzt oder andere von oben herab behandelt, kann schnell scheitern. Der Ursprung liegt in der Bibel, genauer im Buch der Sprüche Salomos. Dort wird davor gewarnt, dass Stolz und Hochmut dem Sturz vorausgehen können. Bis heute erinnert das Sprichwort daran, bescheiden zu bleiben und Erfolge nicht als selbstverständlich zu betrachten.

16. Wer rastet, der rostet

Eine junge Frau sitzt am Schreibtisch und hält sich den Rücken vor Schmerz

Mit „Wer rastet, der rostet“ wird ausgedrückt, dass Untätigkeit auf Dauer schaden kann – körperlich, geistig oder auch im Alltag.

Das Bild stammt wahrscheinlich aus dem Bereich der Landwirtschaft oder des Handwerks. Metallene Werkzeuge rosten, wenn sie nicht benutzt werden – ähnlich wie menschliche Fähigkeiten verkümmern, wenn man sie nicht pflegt.

17. Alle Wege führen nach Rom

Die Redewendung geht auf das antike Römische Reich zurück. Rom war das Zentrum des Reiches, und viele wichtige Straßen führten dorthin. Heute nutzen wir das Sprichwort, wenn unterschiedliche Wege zum selben Ergebnis führen können.

18. Jemandem auf den Schlips treten

Nahaufnahme einer Person, die einen Anzug trägt und ihre Krawatte richtet

Wer jemandem „auf den Schlips tritt“, kränkt oder beleidigt diese Person. Die Redewendung wird häufig mit dem historischen Kontext von Kleidung als Statussymbol erklärt: Der Schlips steht dabei sinnbildlich für etwas Persönliches und Gepflegtes.

Wenn jemand darauf tritt, verletzt er bildlich gesprochen also den Stolz oder die Würde des anderen.

19. Nicht alle Tassen im Schrank haben

„Nicht alle Tassen im Schrank haben“ ist eine saloppe Redewendung für unvernünftiges oder merkwürdiges Verhalten. Das Bild spielt mit der Vorstellung von Ordnung und Vollständigkeit: In einem ordentlichen Haushalt stehen alle Tassen an ihrem Platz. Fehlt etwas, wirkt das Ganze unvollständig.

20. Einen Frosch im Hals haben

Wer „einen Frosch im Hals hat“, ist heiser oder kann nur krächzend sprechen. Die Redewendung lebt von einem sehr bildhaften Vergleich: Eine belegte oder heisere Stimme klingt manchmal rau und quakend – ähnlich wie ein Frosch.

Häufige Fragen zur Herkunft von Sprich­wörtern

Warum gibt es Sprichwörter überhaupt?

Früher konnten die wenigsten Menschen lesen oder schreiben. Sprichwörter halfen dabei, komplexe moralische Regeln, Warnungen oder Erfahrungen möglichst einfach und mündlich von Generation zu Generation weiterzugeben. Ein Sprichwort fasst also eine Lebensweisheit in einem kurzen, einprägsamen Satz zusammen.

Gibt es Sprichwörter in allen Sprachen?

Ja, fast jede Sprache kennt Sprichwörter oder feste Redewendungen. Viele behandeln ähnliche Themen wie Familie, Arbeit, Glück, Geduld, Vorsicht oder Zusammenhalt. Die Bilder unterscheiden sich jedoch je nach Kultur: Während in einer Sprache ein Apfelbaum vorkommt, kann in einer anderen Sprache ein Tier, eine andere Pflanze oder ein Alltagsgegenstand dieselbe Bedeutung tragen.

Was ist das bekannteste Sprichwort?

Ein einziges Sprichwort lässt sich schwer bestimmen, weil Bekanntheit je nach Region, Alter und Alltagssprache unterschiedlich ist. Im Deutschen gehören aber Sprichwörter wie „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, „Aller guten Dinge sind drei“ oder „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ zu den besonders geläufigen Beispielen. Sie werden häufig verwendet, weil ihre Bilder leicht verständlich sind.

Verändern sich Sprichwörter mit der Zeit?

Ja, Sprichwörter können sich im Laufe der Zeit verändern. Manche werden verkürzt, regional anders ausgesprochen oder in neuen Zusammenhängen verwendet. Auch die Bedeutung kann sich verschieben, wenn der ursprüngliche Alltag dahinter nicht mehr bekannt ist. Trotzdem bleiben viele Sprichwörter erhalten, weil sie menschliche Erfahrungen in einfachen Bildern ausdrücken.

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