Dr. Marion Steinbach

Wohnpartnerschaften – neues Wohnmodell für Alt und Jung

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08.08.2014 0

Zimmer frei! (© L.Klauser - fotolia)

© L.Klauser - fotolia

Allein in einem viel zu groß gewordenen Haus – diese Situation kennen alle, deren Kinder erwachsen und flügge geworden sind. So erging es auch Edith B. aus Düsseldorf. Sie lebt auf über 125 Quadratmeter. „Früher habe ich das Alleinsein genießen können, aber eigentlich bin ich jemand, der gerne mit anderen Menschen zusammen ist. Das bin ich auch von klein auf durch das Zusammenleben mit meinen Geschwistern gewohnt. Daher ist es mir dann doch recht mulmig geworden, als ich plötzlich ganz allein im Haus war“, berichtet sie über die Gefühle nach dem Auszug der Kinder und des Mannes. Hinzu kam, dass  sie es nicht mehr schaffte, das Haus und den Garten ganz allein zu bewirtschaften. Ein chronisches Erschöpfungssyndrom und Schmerzanfälle machten ihr zu schaffen.

Wohnmodell schafft Perspektiven für Alleinlebende

In dieser Situation wurde sie Anfang 2011 auf ein neues Wohnmodell aufmerksam, das mittlerweile bundesweit angeboten wird: „Wohnen für Hilfe“. Die Idee dieses Projekts: Studierende suchen in der Regel am Studienort bezahlbare Zimmer – ältere Menschen leben oft allein in großen Wohnungen und Häusern und bräuchten jemanden, der ihnen hier und da zur Hand geht. Warum nicht diese beiden Gruppen zusammenbringen? Die Studierenden bekommen kostenlos oder gegen einen sehr geringen Betrag eine Unterkunft und helfen dafür den Älteren im Alltag. Und: Beide sind nicht allein.

Nachfrage übersteigt Angebot

Obwohl Edith B. noch lange nicht im Rentenalter ist, fragt sie bei der Vermittlungsstelle an – und hat Glück. Denn: Die Nachfrage von Seiten der Studierenden ist deutlich größer als das Angebot. Schon am nächsten Tag kommt die Vermittlerin vorbei, schaut sich die Wohnsituation an und gibt grünes Licht. Kurz darauf werden Edith B. vier Studierende als mögliche Mitbewohner vorgeschlagen. Sie entscheidet sich für Sascha, einen damals 24jährigen Studierenden aus der Ukraine. Er hatte keine Unterkunft mehr, schlief bei Bekannten auf dem Sofa und brauchte dringend eine Bleibe. Einen Tag, nachdem sich Edith B. für ihn entschieden hatte, zog er ein. Sein Facebook-Eintrag von diesem Tag lautete „Endlich ein Dach über dem Kopf.“

Passende „Interessens-Gemeinschaft“

So dramatisch wie bei Sascha, ist es bei den meisten Studierenden nicht. Viele haben zwar eine Bleibe, suchen aber nach einer Alternative, weil ihre Unterkunft zu teuer ist, nur kurzzeitig vermietet wird oder einfach zu weit von der Uni weg liegt. So, wie die Unterkunft passen muss, müssen auch die beiden Menschen zusammenpassen, die beim „Wohnen für Hilfe“ plötzlich unter einem Dach zusammenleben sollen. Zwar erhält der „Vermieter“ Unterlagen der Kandidaten und es gibt einen Kennenlern-Termin  – im Alltag jedoch muss sich die „Interessens-Gemeinschaft“ erst bewähren.

Kompromisse gehören dazu

„Es war ein Sprung ins kalte Wasser“, gibt Edith B. zu. Denn natürlich wussten beide nicht, wie das Leben unter einem Dach funktionieren würde. Zumal Sascha bei Edith B. wie ein Familienmitglied wohnt, es keinen separaten Eingang zu seinem Zimmer gibt und sie sich das Bad teilen müssen. Da verlangt das Zusammenleben von beiden Seiten Kompromisse: „Im ersten Jahr habe ich ihn behandelt wie einen Gast, auch seine Wäsche aufgehängt. Ich musste meinen Weg im Zusammenwohnen mit ihm erst finden. Außerdem war ich es gar nicht gewohnt, Arbeit zu delegieren. Mittlerweile sage ich ihm aber, wenn mich etwas stört. Ich ernähre mich zum Beispiel fast vegan, Sascha kocht sich Fleischeintöpfe. Dann muss er auch wieder sauber machen, wenn er beim Bruzzeln alles vollgespritzt hat.“

Hilfe fürs Wohnen

Putzen jedoch gehört zu den ungeliebten Arbeiten von Sascha. „Zuerst hat er sich geweigert, einen Wischmopp in die Hand zu nehmen“, erinnert sich Edith B. schmunzelnd. Gerne hilft er dagegen bei der Gartenarbeit, noch lieber geht er einkaufen. „Er ist auch immer da, wenn ich etwas nicht alleine machen kann und verrichtet Arbeiten, für die ich andernfalls einen Handwerker hätte kommen lassen müssen.“

Mehr als eine Hilfe im Haus

Aber Sascha ist mehr als nur eine Hilfe in Haus und Garten: „Er ist geduldig und hört mir zu.“ Daher bedauert Edith B. es, dass er jetzt weniger Zeit hat als früher. Sein Studium und sein Studentenjob fordern ihn. Die Vorteile, so Edith B., überwiegen die Nachteile bei weitem. Daher sind beide sehr glücklich über das Zusammenwohnen. Auch Sascha empfiehlt den Kommilitonen dieses Wohnmodell. Mittlerweile lebt er bereits seit drei Jahren bei Edith B. Und sie betont: „Er kann so lange bleiben wie er kann, will und muss.“

Mehr Informationen über „Wohnen für Hilfe“

Mittlerweile gibt es das Angebot „Wohnen für Hilfe“ in 25 deutschen Städten. Der „Mieter“ leistet in der Regel pro Quadratmeter Wohnraum eine Stunde ehrenamtliche Arbeit im Monat. Welche Arbeiten das sind, wird zwischen „Vermieter“ und „Mieter“ abgestimmt. Neben der Hilfe im Haushalt können das auch die Begleitung bei Behörden- und Arztgängen  sein oder Hilfe bei der Korrespondenz. Bezahlen muss der „Mieter“ nur Nebenkosten wie Strom und Wasser. Unbezahlbar ist allerdings, dass bei diesem Wohnmodell immer jemand da ist, man dadurch weniger allein ist und sich auch in einem großen Haus sicherer fühlt. Lesen Sie mehr über das Projekt auf der Website von „Wohnen für Hilfe“. Hier finden Sie weitere Informationen und regionale Ansprechpartner.

Haben Sie auch Erfahrungen mit einem innovativen Wohnmodell? Schreiben Sie uns! Nutzen Sie dafür die Kommentarfunktion. Wir freuen uns auf Nachricht von Ihnen.

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